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Kanzlei Greber Lahr

Wolfgang Greber

Fachanwalt für Erbrecht

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Tel. 07821 - 954 710

Fax  07821 - 954 9988

 

 

Lieber gleich richtig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  Der neue Erdenbürger

Erben durch Geburt: Spezialfall Kindernachversicherung nach § 198 VVG


In sieben Monaten kommt Carl (-1) zur Welt. Soben hat seine Mutter Anna (36) vom Frauenarzt Dr. Musch diese glückliche Nachricht erhalten und sie per Whatsapp samt Ultraschallbild dem ebenso glücklichen Vater Willibald (42) mitgeteilt. "Alles bestens, das wird ein Wonneproppen" meint Dr. Musch. Willibald und Anna wünschten sich schon lange ein Kind - nun ist es ein Junge geworden. Der Name steht auch schon lange fest. Alle freuen sich über Carl, von den Eltern bis zu den Großeltern und sogar der Uroma Genoveva (94), die in der Seniorenresidenz Kinzigblick im schönen Gengenbach wohnt. Carl ist gesund, die Werte stimmen, lediglich Genovevas Gesundheit macht sorgen. Uroma ist nämlich ein Pflegefall und hat Pflegegrad 5. Die Unterkunft im Kinzigblick, einem sehr schönen Heim, hat leider einen sehr schönen Preis für Pflegeleistungen, Unterkunft ("Hotelkosten") und allerlei Umlagen für Ausbildung und Investitionen, für die die Pflegelobby im Gesetzgebungsverfahren gesorgt hat (Sicherlich haben Sie sich schon oft gewundert, warum überall Pflegeheim aus dem Boden schießen und die mobilen Pflegedienste meist die neusten Autos fahren, aber diese Diskussion würde vom Thema hier ablenken).

Ersparnisse sind durchaus beträchtlich. Unter Berücksichtigung ihrer eigenen Rente, der Witwenrente und einigem Immobilienvermögen braucht sie sich nicht wirklich Gedanken zu machen. Allerdings schmilzt durch die hohen Pflegekosten und ihrem Eigenanteil das Vermögen wie Butter in der Augustsonne.

Sie werden sich beim Lesen dieser Zeilen nun wundern, was der noch nicht geborene Carl, seine recht jungen und gesunden Eltern und die gesundheitlich angeschlagene Urgroßmutter mit dem Erbrecht zu tun haben.

Bei den regelmäßigen Besuchen, die junge Familie wohnt im nahen Zunsweier, einem Stadtteil von Offenburg, fanden Willibald und Anna nicht nur den Zustand der Uroma traurig, sondern auch die Tatsache, daß diese den Kosten ausgeliefert war, weil sie sich aufgrund ihres Gesundheitszustandes in der Pflegeabteilung eines Seniorenheims aufhalten mußte.

Oma wie auch die Großeltern waren schon des öftern im Krankenhaus im Mehrbettzimmer. Nachbarn schnarchten, erhielten Besuch zu unterschiedlichsten Zeiten, waren laut, man hatte nur einen Fernseher, konnte sich nicht ungezwungen unterhalten und und und ....

Die Familie machte sich Gedanken, wie man selber auf eine solche Situation reagieren oder sich darauf vorbereiten sollte.

Konkret stellt sich die Frage, wie Carl, wenn er denn geboren wird, im Falle von Krankheit oder Pflegebedürftigkeit optimal abgesichter ist.

Wissenswertes zur Kindernachversicherung

Es gibt die Kindernachversicherung. Diese gilt im Bereich der privaten Krankenversicherung, also bei Vollversicherung und Zusatzversicherung.

Vollversicherte sind ausschließlich privat versichert.

Zusatzversicherte sind gesetzlich versichert und unterhalten für bestimmte Bereich private Zusatzversicherungen.

Folgende Bausteine der Kindernachversicherung sind bei beiden Varianten möglich:

  • ambulant durch Arzt und/oder Heilpraktiker
  • stationär im Krankenhaus mit 1-/2-Bett, Chefarztbehandlung, freie Krankenhauswahl
  • Zahn
  • Kur
  • Ausland
  • Krankenhaustagegeld
  • Krankentagegeld
  • Pflegetagegeld

Das Kind nach Geburt den Versicherungsschutz des oder der Elternteile ohne Gesundheitsprüfung übernehmen, wenn es innerhalb einer Nachmeldefrist von zwei Monaten ab Geburt beim Versicherer nachgemeldet wird.

Der Elternteil, von dem die Versicherung übernommen wird, muß vor der Geburt mindestens drei Monate beim betreffenden Versicherer versichert sein. Maßgebend ist die tatsächliche Geburt. Der prognostizierte Geburtstermin ist unbedeutend. Bei Frühgeburten kann es daher unerwartet eng mit der Vorversicherungszeit von drei Monaten werden. Aus diesem Grunde und anderen Gründen (dazu unten) empfiehlt es sich für die künftigen Eltern, sich frühzeitig, idealerweise vor der Schwangerschaft während der Familienplanung, sich ausführlich mit diesem Thema zu beschäftigen.

Warum frühzeitig?

Zum einen kann das Kind nur - und nur dann - ohne Gesundheitsprüfung versichert werden, wenn sowohl die Vorversicherungszeit und die Nachmeldefrist eingehalten sind. Ansonsten kann das Kind, und das auch nicht bei allen Gesellschaften, nur mit Gesundheitsprüfung versichert werden. Problematisch wird dies, wenn das Kind mit schweren Erkrankungen und Behinderungen geboren wird. Im schlimmsten Fall ist eine Nachversicherung nicht mehr möglich.

Zum anderen sollten - ebenso frühzeitig - der oder die Elternteile ihren Versicherungsschutz daraufhin überprüfen, daß er möglichst umfassend ist. Im Rahmen der Kindernachversicherung kann das Kind des Versicherungsschutz ohne Gesundheitsprüfung nur insoweit übernehmen, wie ihn der Elternteil während der Vorversicherungszeit und bei Geburt hat.

 

Beispiel:

M (38) und F (32) (nicht verheiratet) planen ihr erstes Kind. M ist als freiberuflicher Architekt voll privat versichert. F ist angestellt und gesetzlich versichert. K soll privat  über M versichert werden. M unterhält einen sog. Einsteigertarif, und zwar den Tarif Economy bei der Continentale. Zusatzbausteine darüber hinaus hat er keine.

Der Versicherungsschutz im Tarif Economy ist so brüchig wie ein zugefrorener See bei der Schneeschmelze im Frühjahr. Bei ernsthafter Krankheit sind die finanziellen Einbußen für den Versicherungsnehmer mehr als nur empfindlich. Sie tun weh. Zu nennen sind insbesondere

  • "Selbstbeteiligung Tarif ECONOMY: je medizinischer Leistung 10 Euro (z. B. je Behandlung, je psychotherapeutischer Sitzung, je Arzneimittel, je Impfstoff, je Heilmittel), bei Hilfsmitteln 50 Euro; Verzicht bei Generika sowie bei Brillen und Kontaktlinsen" (Continentale Homepage, Abruf vom 14.3.2020).
  • Krankenhaus: Mehrbett, kein Chefarzt
  • Medikamente: nur verschreibungspflichtige Medikamente (10 € Eigenanteil, siehe oben), keine nicht oder nur apothekenpflichtigen Medikamente 
  • Behandlung Arzt, Zahnarzt: nur Regelhöchstsatz
  • Zahnersatz: 60 %, max. 3000 € pro Jahr

Muß K wegen chronischer Krankheit im Jahr 100 x zum Arzt (2 x pro Woche), 50 x zum Logopäden (1x pro Woche) und erhält 150 nicht verschreibungspflichtige Medikamente und Spritzen (3x pro Woche, Preis jeweils 20 Euro) und 50 x Physiotherapie, so beträgt der von M für K zu tragende Anteil 5.000 €. Er gliedert sich wie folgt:

  • 1.000 € Arztbesuche
  •   500 € Logopädie
  • 3.000 € Medikamente
  •   500 € Physiotherapie

Allfällige Krankenhausaufenthalte, Kuren und Zahnarztbesuche sind in obigem Beispiel noch gar nicht enthalten.

 

Das Beispiel zeigt, daß die Kindernachversicherung nicht unbedingt vorteilhaft ist, wenn der Versicherungsschutz des Elternteils mit Ausnahmen und Eigenanteilen durchlöchert wie ein Schweizer Käse ist. Nebenbei gelten die vorstehenden Zahlen 1:1 für M. Sind M und K gleich krank, so wäre der Eigenanteil in obigem Beispiel 10.000 € (!) pro Jahr (!), was die Familie bei fehlendem Einkommensersatz (M hat keine Tagegelder, K demzufolge auch nicht) durchaus in den Ruin treiben kann.

Das Beispiel zeigt ferner, daß die private Krankenversicherung keinesfalls immer besser ist wie die gesetzliche Krankenversicherung, auch wenn dies auf der Ebene des Vertriebes nicht selten so suggiert wird. Für K sollte - wenn M seinen Vertrag nicht verbessern will oder aufgrund Vorerkrankungen nicht mehr verbessern kann - als eine Alternative die Familienversicherung auf der Ebene der Mutter und ggf. der Aufbau von Zusatzversicherungen ebenfalls auf der Ebene der Mutter geprüft werden.

Wird also eine Kindernachversicherung ins Auge gefaßt, sollten der oder die Elternteile sich vorher stets um den bestmöglichen Versicherungsschutz bei ihnen selbst bemühen. Dann - und nur dann - kann das Kind diesen Umfang übernehmen.